Die Kult-Sitcom auf dem Prüfstand

Damals provokant, heute streitbar: "Eine schrecklich nette Familie"

Aktualisiert:

von Antje Wessels

Filmkritikerin Antje Wessels (l.) hat sich "eine schrecklich nette Familie" nochmal angeschaut.

Bild: SAT.1/Kathrin Baumann


Früher wurde "Eine schrecklich nette Familie" als mutige Satire gefeiert. Doch heute wirken viele Witze über Geschlechterrollen, soziale Unterschiede und respektlose Familienbeziehungen problematisch. Die Veränderungen gesellschaftlicher Sensibilitäten sind ideal, um aus aktueller Sicht einen Blick auf die Serie zu werfen.


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Eine schrecklich nette Familie: Darum geht's

Im Mittelpunkt von "Eine schrecklich nette Familie" steht die dysfunktionale Familie Bundy. An vorderster Front: Al Bundy (Ed O’Neill), ein frustrierter Schuhverkäufer, der seinen Job und sein Leben verachtet. Seine Frau Peggy (Katey Sagal) ist faul, shoppingbesessen und meidet Hausarbeit konsequent. Tochter Kelly (Christina Applegate) ist attraktiv, aber naiv und wenig intelligent. Während Sohn Bud (David Faustino) sich für besonders schlau hält, jedoch ständig an zwischenmenschlichen Beziehungen und seinem Wunsch nach Anerkennung scheitert. Gemeinsam leben die Bundys in einem Vorort von Chicago, wo sie versuchen, ein ganz normales Familienleben zu führen.

Eine schrecklich nette Familie: Darum geht's wirklich

Auf meist provokante und satirische Weise behandelt die Sitcom zahlreiche gesellschaftliche Themen. Die zentrale Thematik ist die Dekonstruktion des amerikanischen Familienideals: Statt Harmonie und Vorbildfunktion zeigt "Eine schrecklich nette Familie" Egoismus, Frustration und Stillstand. Die Serie thematisiert Unzufriedenheit im Arbeitsleben, insbesondere durch Al Bundys Perspektive auf Leistungsdruck, eine geringe Bezahlung und fehlende Anerkennung.

Auch Konsumkritik spielt eine Rolle, verkörpert durch Peggys Shopping-Sucht. Weitere Themen sind Geschlechterrollen, Sexualität und Machtverhältnisse innerhalb der Familie. Diese werden sitcomgetreu bewusst überzeichnet und oft politisch inkorrekt dargestellt. Zudem greift die Serie soziale Klassenunterschiede, Bildungsferne und den Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg auf. Meist mit dem Fazit des Scheiterns. Mit schwarzem Humor und Übertreibung hält "Eine schrecklich nette Familie" der amerikanischen Mittelschicht einen zynischen Spiegel vor und provoziert gezielt moralische und kulturelle Debatten.


"Eine schrecklich nette Familie" damals

Aus damaliger Sicht funktioniert "Eine schrecklich nette Familie" vor allem wegen ihres mutigen, respektlosen Humors, wodurch sie sich stark von klassischen Familien-Sitcoms abgrenzte. Genüsslich zerlegten die beiden Serienschöpfer Ron Leavitt und Michael G. Moye den "American Dream". Dafür nahmen sie zahlreiche Tabubrüche in Kauf. Etwa das Besinnen auf gezielt antisympathische Figuren, die einen respektlosen Umgang innerhalb der Familie frönen. Sexualität als Dauerthema und Angriffe auf gesellschaftliche Gruppen waren den Sittenwächter:innen zu damaliger Zeit ebenfalls ein Dorn im Auge. Ganz zu schweigen von dem Verzicht auf das "Lesson Learned"-Motiv: Einsichten oder Entwicklungen blieben am Ende einer Folge meist aus.

Mit seinen scharfen Dialogen und einem präzisen Timing ist die Hauptfigur Al Bundy eine ungewöhnlich ehrliche Verkörperung männlicher Frustration. Auch die konsequente Weigerung, Figuren moralisch zu läutern, fand bei Kritiker:innen einst hohe Anerkennung. "Eine schrecklich nette Familie" ist zwar zynisch, weil sie ihre Figuren nie retten will. Doch hinter dieser Derbheit versteckt sich häufig intelligente Satire, die gesellschaftliche Widersprüche offenlegt.

Die Bundys

Ed O'Neill (l.) und Katey Sagal (r.) waren über zehn Jahre lang als verheiratetes Bundy-Ehepaar zu sehen.

Bild: United Archives


"Eine schrecklich nette Familie" heute

Doch was Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger neu, provokant und subversiv war, lässt sich aus heutiger Perspektive kritisch sehen. Viele der damaligen Tabubrüche wirken heute problematisch und überholt. Besonders der offen sexistische und frauenfeindliche Humor rund um Al Bundy fühlt sich heutzutage an wie die Reproduktion von Misogynie. Nicht wie Kritik. Auch die wiederholten Witze über Aussehen, Körpergewicht, Intelligenz oder soziale Stellung sind heutzutage eher stigmatisierend und wenig sensibel gegenüber marginalisierten Gruppen.

Der respektlose Umgang innerhalb der Familie Bundy mag satirisch überspitzt sein. Aber sie normalisiert auch emotionale Abwertung innerhalb von Familien. Zudem fehlt aus heutiger Sicht oft eine klare ironische Distanz zum Geschehen. Sodass unklar bleibt, ob die Serie gesellschaftliche Missstände entlarven oder lediglich ausschlachten will. Während die Verweigerung moralischer Auflösung damals als mutig galt, fühlt sie sich heute mitunter verantwortungslos an, da problematische Haltungen unkommentiert stehenbleiben.

Keine Frage: "Eine schrecklich nette Familie" ist auf jeden Fall ein Produkt seiner Zeit, das damals bewusst provozieren wollte. Bei Joyn könnt ihr jetzt alle 259 Folgen streamen. Findet selbst heraus, wie stark sich gesellschaftliche Sensibilitäten, das Humorverständnis und mediale Verantwortung verändert haben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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