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Mord nach Plan

Warum sich fast jedes Krimi-Ende ausrechnen lässt: Drehbuchautor Jonas Pflaumer im Interview

Veröffentlicht:

von Rebekka Lindl

Drehbuchautor Jonas Pflaumer über Krimi-Geheimnisse und wie er KI im Schreibprozess nutzt.

Bild: Daniel Assmann; AdobeStock/cirquedesprit


Im Exklusiv-Interview gibt Drehbuchautor Jonas Pflaumer unverfälschte Einblicke in die Realität der deutschen Serien- und TV-Landschaft. Er hat unter anderem für die Joyn-Serie "Frieda - Mit Feuer und Flamme" geschrieben und kennt die feinen dramaturgischen Kniffe genau.

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Wie kann man sich den Alltag eines Drehbuchautors vorstellen?

Jonas Pflaumer: Es ist meistens so, dass ich erst mal drauflosschreibe, um kreativ warm zu werden. Vormittags habe ich meistens Besprechungen mit Redaktionen oder mit meiner Co-Autorin. Wenn es am Anfang darum geht, einen Pitch zu besprechen, schafft man das in einer halben Stunde. Da wird gesagt, in welche Richtung es gehen soll, was man verändern oder ob man noch Ermittlungsstränge einbauen soll. Daraufhin arbeitet man es allein oder im Team ein.
Ein Pitch ist in der Regel ein bis zwei Seiten lang, das ist die erste Idee. Treatments haben etwa 15 Seiten, dafür braucht man ungefähr eine Woche. Und für die erste Fassung eines ganzen Drehbuchs etwa zwei Wochen. Aber das ist nur ein Teil der Arbeit.

Der andere Teil ist Administration: Leute anschreiben, mit Produzenten, Co-Autoren oder meiner Agentur telefonieren, schauen, wo man sich noch bewerben oder Ideen hinschicken kann und wo gerade etwas gesucht wird.

Als dritten Bereich gibt es Festivals wie die Berlinale oder das Filmfest München, wo man hinfährt, um Kontakte zu knüpfen und ein Netzwerk aufzubauen.

Gibt es beim Drehbuchschreiben bestimmte Regeln, an die man sich halten muss? Zum Beispiel: Wann wird welche Figur eingeführt, ab wann muss man den Mörder sehen, wann kommt der Wendepunkt?

Jonas Pflaumer: In der Drehbuchdramaturgie gibt es feste Schemata. Das ist bei Kinofilmen und Daily Soaps aber unterschiedlich. Bei Daily Soaps erzählt man in einer Folge zwei bis drei Stränge parallel. Erstens den Drama-Strang, der über mehrere Folgen läuft. Zweitens einen kürzeren Familien- oder Beziehungsstrang. Und drittens einen humoristischen Strang: kleine, witzige Geschichten, die innerhalb einer Folge abgeschlossen sind. In jedem Strang spielen andere Figuren, da wird es technisch mit der Verfügbarkeit der Schauspieler. Manche haben Sperrzeiten, weil sie parallel einen Kinofilm drehen oder im Urlaub sind.

Bei meinem Hauptarbeitsbereich, dem Krimi, darf der Mörder zum Beispiel keinesfalls erst im letzten Drittel auftauchen. Es geht nicht, dass in den letzten Minuten plötzlich eine Figur ins Spiel kommt, die vorher niemand gesehen hat, denn sonst verliert das Publikum den Spaß am Miträtseln. Alle relevanten Figuren müssen am Anfang eingeführt worden sein. Dann baut man zwei, drei falsche Fährten auf. Die müssen psychologisch glaubwürdig sein: Jeder Verdächtige braucht ein Motiv, jemanden umzubringen. Man hält sich an Richtlinien, aber ein Drehbuch durchläuft drei bis vier Fassungen. Da schmeißt man oft noch mal alles um.

Wenn du selbst Krimis ansiehst, weißt du immer gleich, wer der Mörder ist?

Jonas Pflaumer: Ja, ich habe mit meinem WG-Mitbewohner fast jeden Sonntag "Tatort" geguckt und auf einen Zettel geschrieben, wer der Mörder ist. In 80, 90 Prozent der Fälle hat es gestimmt. Es gibt ein paar Tricks. Früher war es so, dass der berühmteste Schauspieler der Mörder ist. Heutzutage machen das die Produzenten nicht mehr, weil das aufgefallen ist. Oder eine Figur taucht am Rand auf, die zunächst keine Funktion hat und nicht ins Bild passt.

Dazu kommt das Budget: Produktionen haben neben den Ermittlern meistens Geld für vier bis fünf Besetzungen. Du brauchst eine emotionale Ankerfigur, die scheidet als Mörder meistens aus. Bleiben drei Verdächtige und der Täter. Das kann man fast rechnerisch auflösen. Wenn man als Autor zusieht, erkennt man das Muster: Wer am Anfang riesiges Theater und Rambazamba veranstaltet, ist fast immer eine falsche Fährte. So lässt sich das Täterfeld schnell eingrenzen.

Du arbeitest momentan für öffentlich-rechtliche Sender, hast aber auch schon für Joyn geschrieben. Wo unterscheiden sich die beiden Welten?


Jonas Pflaumer: Bei Joyn war das die Daily Soap. Da hatte ich mit der Redaktion kaum Kontakt. Das ist bei den Öffentlich-Rechtlichen anders. Man sitzt meistens direkt in Redaktionssitzungen, bekommt unmittelbares Feedback und erfährt, was gefällt und wie es weitergehen soll.

Bei Daily Soaps müssen die Arbeitsschritte zügig durchgetaktet werden, für ständige Abstimmungen mit einzelnen Autoren fehlt schlicht die Zeit. Die Redaktionen kommen zeitlich sonst nicht hinterher. Neben Meetings müssen sie pro Folge 30 bis 40 Seiten Drehbuch genau prüfen und parallel neue Handlungsstränge planen. Der direkte Draht zur Redaktion wird deshalb seltener.
Es kommt aber auf die Rolle an: Als reiner Dialogbuchautor sitzt du zu Hause, bekommst die fertige Outline und schreibst die Dialoge darüber. So war das bei mir bei der "Landarztpraxis" oder der "Spreewaldklinik". Da hatte ich mit der Redaktion keinen Kontakt und habe die Leute nie persönlich gesehen. Das ist eine andere Art zu arbeiten.

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Nutzt du KI-Tools und wenn ja, wofür? Siehst du KI als Werkzeug oder als Bedrohung für deinen Job?

Jonas Pflaumer: Vor ein paar Jahren habe ich KI als Bedrohung gesehen. Heute nutze ich sie vor allem, um Ideen abzutasten. Ich füttere die KI mit meinen Stoffen, bitte um eine Drehbuchanalyse und frage nach Verbesserungsvorschlägen. Wo KI hilft, ist als Sparringspartner: wie ein Co-Autor, nicht auf Augenhöhe, sondern wie ein Azubi. Eins zu eins übernehmen kann man davon nichts. Wo es gravierende Defizite gibt, sind Dialoge. Dialoge gehen mit KI gar nicht, die sind noch sehr schlecht. Das finde ich beruhigend (lacht).

Gab es Momente, die du nie vergisst? Irgendetwas Verrücktes?

Jonas Pflaumer: Es gibt vor allem negative Erlebnisse, die ich nie vergessen werde. Bei meinem ersten Drehbuch ist mitten im Schreibprozess der Hauptdarsteller gestorben. Das Ganze fiel in die Corona-Zeit und wegen neuer Bestimmungen in Köln durfte nicht mehr im öffentlichen Raum gedreht werden. Die Geschichte spielte ursprünglich im Obdachlosenmilieu. Der Produzent stellte mich vor die Wahl: "Entweder wir schmeißen das Drehbuch, an dem du drei, vier Monate gesessen hast, komplett weg, oder wir verlegen das Thema von den Obdachlosen zu Aussteigern in den Wald, im Wald dürfen wir drehen. Das musst du bis morgen umschreiben." Ich habe mich für Variante zwei entschieden und 80 Seiten über Nacht überarbeitet. Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
Die zweite Sache war für mich ein Schock: Bei Dreharbeiten über Bergsteiger ist jemand abgestürzt und hat sich verletzt. Zum Glück nichts Lebensbedrohliches, aber er musste ins Krankenhaus. Da saß der Schock tief, so etwas will man als Autor keinesfalls auslösen, auch wenn man auf den Dreh keinen Einfluss mehr hat.

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