Benjamin Blümchen hat sechs Kinder?
Unsere Hörspiel-Lieblinge und ihre Geheimnisse: Was wir als Kinder überhört haben
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von Antje WesselsSeit Jahrzehnten trötet Benjamin Blümchen durch die Kinderzimmer. Aber wie gut kennen wir ihn wirklich?
Bild: IMAGO/United Archives
Verschwundene Familienmitglieder, Kontinuitätsfehler und fragwürdige Vorbilder: Unsere liebsten Hörspielserien stecken voller Rätsel. Autorin Antje Wessels geht den kuriosesten Fan-Theorien auf den Grund. Und manche Antworten sind überraschender als gedacht.
Wer mit Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg, TKKG oder den drei Fragezeichen aufgewachsen ist, verbindet mit den Hörspielen jede Menge Kindheitserinnerungen. Doch wer die Geschichten heute noch einmal genauer unter die Lupe nimmt, stößt auf so manche Ungereimtheiten. Warum ist ausgerechnet von Benjamin Blümchens Frau Leila später keine Rede mehr? Was ist eigentlich aus Bibis kleinem Bruder Boris geworden? Filmkritikerin und Hörspielfan Antje Wessels begibt sich auf Spurensuche.
Benjamin Blümchen als Liebhaber und Vater?
Benjamin Blümchen ist verheiratet und hat sechs Kinder? Was zunächst wie eine absurde Theorie klingt, hat seinen Ursprung in den frühen Hörspielen. In Folge 7, "Benjamin Blümchen verliebt sich", verguckt sich Benjamin Hals über Kopf in die Zirkus-Elefantendame Leila. Am Ende der Folge heiraten die beiden sogar. Doch während Benjamin anschließend weiter mit Otto Abenteuer erlebt, verschwindet seine frisch angetraute Frau praktisch aus seinem Leben. In Folge 11, "Benjamin Blümchen auf dem Mond", taucht Leila zwar noch einmal auf, danach spielt sie in der Hörspielreihe aber keine nennenswerte Rolle mehr.
Noch kurioser wird es bei der Frage nach dem gemeinsamen Nachwuchs. In Fanforen werden unterschiedliche Hörspielfassungen diskutiert. Von sechs Kindern ist da die Rede. Eine eindeutige Bestätigung dieser Zahl im Hörspiel habe ich bislang allerdings nicht finden können. Warum Leila nach der Hochzeit kaum noch erwähnt wird, bleibt ebenfalls ungeklärt. Passte eine Elefanten-Ehe nicht ins Konzept oder sollte Benjamin lieber als ungebundener Abenteurer erhalten bleiben? Auf dieses sorgfältig gehütete Geheimnis werden wir vermutlich nie eine Antwort bekommen.
Meine unspektakuläre Theorie: In einem so frühen Stadium innerhalb einer Serie wird einfach viel ausprobiert. Und manches davon funktioniert eben einfach nicht. Zumal man ja auch nicht wissen konnte, wie viele Folgen (zum jetzigen Zeitpunkt sind es 172!) die Serie später noch nach sich ziehen würde.
Übrigens: Auf Joyn findet ihr unter anderem sämtliche Folgen der "Benjamin Blümchen Classics" sowie viele weitere Folgen der Zeichentrickserie auf Joyn+.
Bibi Blocksberg: Warum ihr Bruder Boris einfach verschwand
Auch in "Bibi Blocksberg", der Schwestern-Serie von "Benjamin Blümchen", verschwindet eine ursprünglich gar nicht so unwichtige Figur: Bibis kleiner Bruder Boris, taucht ab Folge 8 plötzlich nicht mehr auf. Innerhalb der Geschichte zieht er wegen einer Erkrankung zu seinen Großeltern an die Nordsee, wo ihm die "frische Seeluft guttun" soll. Die tatsächlichen Gründe für seinen Abschied hat Serienerfinderin Elfie Donnelly jüngst in der WDR-Talkshow "Kölner Treff" verraten: Boris wurde aus der Serie geschrieben, weil seine Stimme der von Bibi zu ähnlich klang. "Wir haben ihn einfach rausgeschrieben", erklärte Donnelly sinngemäß. Statt zwei ähnlich klingende Kinder in den Mittelpunkt zu stellen, wollte sich das Team fortan ganz auf die kleine Hexe und ihre Eltern konzentrieren. So unspektakulär kann ein jahrzehntelanges Hörspielmysterium enden.
Doch wie ging Boris' Leben innerhalb der Serienwelt weiter? Donnelly selbst hat dazu verschiedene Ideen: Vielleicht war Boris so enttäuscht, dass er nichts mehr mit seiner eigentlichen Familie zu tun haben wollte. Vielleicht fand er an der Küste aber auch ein neues Zuhause oder wanderte sogar aus. Offizielle Antworten gibt es darauf nicht. Donnelly kann sich allerdings vorstellen, die Geschichte ihres vergessenen Schützlings irgendwann wieder aufzugreifen.
Ich sag' der Produktionsfirma immer: Lasst uns doch endlich mal ein Buch über Boris schreiben!
Die drei Fragezeichen: Was hat Alfred Hitchcock eigentlich mit den Detektiven zu tun?
Auch bei den drei Fragezeichen lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen. Schließlich wird die Krimireihe bis heute mit Alfred Hitchcock in Verbindung gebracht, der in den frühen Geschichten sogar selbst als eine Art Mentor der drei Nachwuchs-Detektive auftrat. Doch der berühmte Regisseur hat mit der Entstehung der Originalserie nur wenig zu tun: Erfunden wurden Justus, Peter und Bob vom US-amerikanischen Autor Robert Arthur, der den Namen Hitchcock gegen eine Lizenzgebühr verwenden durfte. Der prominente Namensgeber sollte die Bücher besser verkaufen. Eine ziemlich kuriose Enthüllung für alle, die den Meister des Suspense bis eben für den geistigen Vater der drei Detektive hielten!
Und auch innerhalb der Geschichten bleiben Fragen offen: Wie kamen Justus, Peter und Bob eigentlich an ihren berühmten Rolls-Royce? Je nach Darstellung wurde der Wagen entweder bei einem Preisausschreiben gewonnen oder den Detektiven von einem dankbaren Klienten überlassen. Noch spannender wird es, wenn man einmal die Moral der drei Schüler hinterfragt. In der Fan-Community wird beispielsweise diskutiert, wie weit Justus, Peter und Bob bei ihren Ermittlungen gehen dürfen und ob sie in bestimmten Notlagen auch Regeln brechen würden. Schließlich begeben sie sich regelmäßig in gefährlichen Situationen, in denen Recht und Gerechtigkeit nicht immer deckungsgleich sind.
Die drei Fragezeichen als Filmhelden
Oder doch TKKG-Fan?
TKKG, die Fünf Freunde und weitere Rätsel aus der Hörspielwelt
Bei TKKG stellt sich die Frage, wie problematisch Anführer Tim alias Tarzan eigentlich ist. Gerade in den älteren Hörspielen greift er nicht nur zur Selbstverteidigung zu Gewalt, sondern schlägt Verdächtige auch einfach nieder, bevor überhaupt geklärt ist, ob sie etwas verbrochen haben. Gleichzeitig behandelt er seine Freundin Gaby gern bevormundend und schließt sie bei gefährlichen Aktionen aus, weil sie ein Mädchen ist. Hinzu kommen Vorurteile, die in frühen Folgen auffallen. Dass Tim dabei stets als strahlender Held inszeniert wird, macht die Sache umso bemerkenswerter: Ist der selbst ernannte Gerechtigkeitskämpfer am Ende selbst Teil des Problems?
Auch bei der Hörspielreihe "Fünf Freunde" gibt es Grund zum Grübeln. Kaum sind Julian, Dick, Anne, George und Hund Timmy im Urlaub angekommen, stolpern sie über Schmuggler, Entführer oder andere zwielichtige Gestalten. Ist das vielleicht einfach nur die größte Urlaubs-Pechsträhne in der Geschichte der Detektivhörspiele? Vielleicht sollten die fünf ihre Ferienziele künftig schlicht sorgfältiger auswählen.
Wie absurd solche typischen Hörspielmuster werden können, zeigt auch die Parodieserie "Die Ferienbande", die sich mit Selbstironie über die vertrauten Figurenkonstellationen und Abenteuer lustig macht. Wer seine Hörspielhelden von früher mal mit anderen Ohren hören möchte, sollte hier vielleicht einmal reinhören.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
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