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Hinter den Kulissen

"Betrug bleibt eine Straftat": Peter Giesel im exklusiven Interview

Veröffentlicht:

von Joyn Redaktion

Als investigativer Journalist deckt Peter Giesel bei "Achtung Abzocke" verschiedene Betrugsmaschen auf.

Bild: Kabel Eins


Der "Achtung Abzocke"-Moderator Peter Giesel reist um die ganze Welt um Betrugsfälle aufzudecken. Im exklusiven Interview mit Joyn spricht der investigative Journalist darüber, wie er seine Fälle auswählt, ob er selbst schon mal abgezockt wurde und inwiefern sein Job seinen Blick auf Dienstleistungen verändert hat.

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Wie recherchieren Sie Ihre Geschichten und Fälle, zumal die meisten Abzocken nicht vor Ihrer Haustür stattfinden?

Peter Giesel: Ich kann mich auf ein erfahrenes Team und auf die vielen Mails von Zuschauer:innen verlassen, die uns täglich erreichen.

Im Ausland schauen wir uns vor jeder Reise Erfahrungsberichte in allen möglichen Sprachen an und meine Kollegen sind immer schon einige Tage vor mir vor Ort um alle Storys abzuklopfen. Das erleichtert mir die Arbeit enorm, obwohl wir manchmal viel Geduld brauchen, bevor ich selbst auch in eine Abzocke stolpere.

Haben Sie sich jemals bewusst gegen eine vermeintlich gute Geschichte entschieden, weil sie sich aus irgendeinen Grund "falsch" angefühlt hat?

Peter Giesel: Nicht nur einmal. Wir prüfen die Geschichten vorab ausführlich und es kann passieren, dass sich der Sachverhalt am Ende anders darstellt als vermutet. Das gehört bei gutem Journalismus einfach mit dazu.

Ab wann wird aus "teuer und unfair" für Sie persönlich "Abzocke" - gibt es da eine rote Linie?

Peter Giesel: Das kommt ganz auf die Perspektive an.

Wenn ein Mensch um Tausende Euro betrogen wird, ist das eine Straftat.

Peter Giesel

Peter Giesel: Allerdings gibt es auch den Fall, dass juristisch alles korrekt gelaufen ist und eine Person trotzdem überrumpelt wurde. Dann nutze ich das Wort "Abzocke" auch gerne.

Der Unterschied zu "teuer" ist, wenn eine Person nachvollziehbar belogen, getäuscht oder bewusst hinters Licht geführt wurde, um Profit zu machen. Das ist nicht immer strafbar - aber für mich Abzocke.

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Gibt es eine Form von Abzocke, die gesellschaftlich akzeptiert ist, obwohl sie Sie persönlich stört?

Peter Giesel: Ja, natürlich. Gerade mit dem Beginn von Online-Shops gibt es viele Beispiele, bei denen aus meiner Sicht Kunden klar getäuscht werden. Und damit meine ich nicht geschönte Produktfotos, das gab es schon immer. Ich höre oft davon, dass Leute glauben, bei einem deutschen Online-Shop einzukaufen und dann minderwertige Ware aus China zugesandt bekommen. Eine Retoure ist dann quasi unmöglich. Das ist Alltag in Deutschland und ich höre wenig gesellschaftlich relevanten Protest dagegen. Für mich ist das eine Abzocke.

Gibt es Dienstleistungen, die Sie privat grundsätzlich meiden, weil Sie beruflich zu viel darüber wissen?

Peter Giesel: Ich versuche, jede Form von telefonischen Handwerker-Notdiensten aus dem Internet zu meiden. Ohne es zu merken, spricht man häufig mit irgendwelchen Call-Centern. Dann bekommt man ungeschultes Personal geschickt, das dann überteuert abkassiert. Da verlasse ich mich lieber auf Handwerksbetriebe aus meinem Wohnort, die ich kenne oder die eine feste Adresse haben.

Im Urlaub meide ich Pauschalurlaub in Anlagen mit monströsen Buffets. Das ist nicht meins. Ein kleines Ferienhäuschen mit Familie und Hund ist da oft nicht nur preiswerter, sondern dort kann ich richtig entspannen und  meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Kochen!


Man sagt, das Böse ist immer und überall: Hat der dauernde Blick auf Betrug Sie eher zynischer, ängstlicher oder vielleicht sogar gelassener gemacht?

Peter Giesel: Auf jeden Fall gelassener - was aber natürlich auch daran liegt, dass ich mit einem geschärften Blick durchs Leben gehe und solche Abzocken oft umgehen kann. Das ist der Vorteil meines Jobs.

Sind Sie schon einmal selbst auf einen Abzocker reingefallen?

Peter Giesel: Der ein oder andere Fakeshop oder fast insolvente Onlinehändler durfte sich schon über Zahlungen von mir freuen. Besonders ärgerlich sind auch Situationen im Familienurlaub, wenn ich ganz stolz verkünde, ein tolles Restaurant entdeckt haben und dann alle merken: Papa hat sich geirrt.

Gab es schon Momente, in denen Sie sich selbst im Fernsehen gesehen haben und dachten: "Uh, das ging vielleicht einen Schritt zu weit"?

Peter Giesel: Kaum. Ich versuche mich in einer Konfrontation mit Betrügern immer höflich und sachlich auszudrücken - aber bestimmt zu sein. Wenn eine Situation eskaliert, dann geht das in der Regel von der Gegenseite aus.

Wenn Sie wissen, dass ein Beitrag einem Unternehmen schadet: Wie schwer wiegt für Sie der Gedanke an die Menschen dahinter? Kann man zwischen Mitgefühl und Empörung auch mal innerlich zerrissen sein?

Peter Giesel: Es wäre gefühlskalt, nicht an Angestellte zu denken, die von Betrügereien ihres Unternehmens betroffen sind. Allerdings berichten wir ja aus sehr guten Gründen über solche Firmen - wenn man sie so nennen darf. Es kommt auch vor, dass ich in der Recherche merke, dass die Person hinter einer Abzocke gar nicht immer mit einer bösen Intention agiert, sondern fahrlässig. Trotzdem ist meine Aufgabe, sich für meine Zuschauer einzusetzen, die von solchen Menschen oder Firmen abgezockt wurden.

Betrug bleibt eine Straftat. Und wer Leute abzockt, muss mit Konsequenzen rechnen.

Peter Giesel

Hatten Sie schon Begegnungen, bei denen eine konfrontierte Person später Reue zeigte und sagte: "Sie haben mein Verhalten tatsächlich geändert"?

Peter Giesel: Öfter schon. Häufig kommt die Einsicht spätestens, wenn ich am Eingang stehe. Dann werden sehr konstruktive Gespräche geführt und ich bekomme wirklich das Gefühl, dass es den Menschen leidtut.

Aber: Reden kann man viel. Ich messe die Menschen an der Aufarbeitung danach, wenn meine Kamera wieder aus ist. Und da merke ich oft, dass auch gerne viel geredet und wenig getan wird.

Sie gehen bei Betrüger:innen gerne auf Konfrontationskurs. Gab es schon mal eine Situation, bei der es richtig brenzlig für Sie wurde?

Peter Giesel: Nicht wirklich - ich habe großes Vertrauen in mein Team vor Ort und in der Redaktion. Wir kommen ja nie ohne Anlass - und durch die jahrelange Erfahrung sind wir immer gut vorbereitet.

Gibt es eine Art Mantra, welches Sie sich während eines Drehs innerlich ständig sagen, aber nie laut?

Peter Giesel: Haben wir etwas übersehen? Können wir belegen, was wir behaupten? Und manchmal auch: Sehen die Zuschauer:innen, wie sehr ich schwitze?

Wie oft gerieten Sie während einer Recherche in Versuchung, einfach Urlaub zu machen und alles andere zu ignorieren?

Peter Giesel: Noch nie. Dreh ist Dreh - Urlaub ist Urlaub. Wobei ich dankbar bin, potenzielle Ziele für den späteren Familienurlaub schon entdeckt zu haben.

Darf Sie die Familie auf Ihren Reisen hin und wieder begleiten? Und wenn ja, haben die dann Freizeit oder müssen die auch mal Lockvogel spielen?

Peter Giesel: Wir trennen strikt. Allerdings ist meine Frau TV-Redakteurin und hat zudem Italienisch studiert. Sie verantwortete deswegen auch in diesem Sommer einen Teil unserer Italien-Episode. Sie ist zugleich natürlich meine schärfste und ehrlichste Kritikerin. Das verschafft mir immer Bodenhaftung. Und wenn sie dabei ist, sind alle - besonders ich - beim Dreh ganz anders auf Zack.

Welche Frage würden Sie sich selbst stellen, wenn Sie Ihr eigener Interviewer wären - und warum stellen Journalist:innen sie nie?

Peter Giesel: Weil viele "Journalist:innen" bereits wissen, was sie eigentlich hören wollen und deswegen sich oft gar nicht die Mühe machen, andere Fragen zu stellen. Wobei ich das über diese Fragen nicht behaupten kann.

Wenn "Achtung Abzocke" eines Tages endet: Was soll man dann über Peter Giesel sagen - außer "der war hartnäckig"?

Peter Giesel: Hoffentlich nicht: Solche gibt’s heutzutage nicht mehr.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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