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Unterschätztes Erfolgsmodell

Warum "In aller Freundschaft" neben "Grey's Anatomy" nicht alt aussieht

Veröffentlicht:

von Antje Wessels

„In aller Freundschaft“ vs. "Grey’s Anatomy": Zwei Krankenhaus-Serien, zwei Arten, Spannung zu erzeugen.

Bild: MDR/Saxonia Media/Sebastian Kiss; 2024 Disney. All rights reserved.


"In aller Freundschaft" gilt als Rentnerfernsehen, fast wie ein Relikt aus einer anderen Fernsehzeit. Doch die Themen und Figuren der Serie sind nah an der Gegenwart. Wer genauer hinschaut, entdeckt überraschend viel Relevanz.

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Seit Jahren gilt "In aller Freundschaft" als verlässlicher Dauerbrenner im Programm - allerdings mit einem eher älteren Publikum. Doch der Eindruck, es handle sich vor allem um ein Programm für die Generation 60+, greift zu kurz. Hinter der klassischen Arzt-Serie steckt ein Format, das auch für jüngere Zuschauende viel zu bieten hat: emotionale Geschichten, zeitlose Konflikte und eine selten gewordene Erzählruhe. Gerade weil die Entwicklungen nicht künstlich zugespitzt sind, sondern sich nachvollziehbar und über längere Zeit entfalten, entsteht eine eigene, nachhaltige Form von Spannung.

"In aller Freundschaft": Fernsehen von gestern?

In 28 Jahren hat sich die ARD-Serie einen Ruf erarbeitet: ruhig erzählte Geschichten aus dem Krankenhausalltag, besonders beliebt bei einem älteren Publikum. Entsprechend wird die Serie oft als klassisches Abendprogramm wahrgenommen, eher für Eltern oder Großeltern als für Jüngere, für die es vermeintlich Formate wie "Die jungen Ärzte" gibt.

Dieses Klischee kommt nicht von ungefähr. Das Format setzt bewusst auf eine ruhige Dramaturgie, abgeschlossene Episoden und einen Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen statt auf Tempo oder visuelle Reize. Während viele moderne Serien auf komplexe Handlungsbögen und Cliffhanger setzen, bleibt "In aller Freundschaft" seinem Stil treu - und wird gerade deshalb oft unterschätzt.

Zwischen Klinikstress und Herzschmerz: Themen, die auch Jüngere betreffen

Wer "In aller Freundschaft" vorschnell als behäbig abtut, übersieht, wie nah die Serie an der Lebensrealität jüngerer Zuschauender erzählt wird. Überforderte Assistenzärzt:innen müssen unter Zeitdruck folgenschwere Entscheidungen treffen und mit den Konsequenzen leben. Besonders dann, wenn Fehler passieren. So etwa bei Niklas Ahrend, der einst im Original und heute im Ableger "Die jungen Ärzte" exemplarisch zeigt, wie junge Mediziner:innen zwischen Theorie und Klinikalltag an ihre Grenzen geraten.

Auch auf persönliche Beziehungen hat der Klinikalltag erheblichen Einfluss. Unter dem Druck von Schichtdienst, Hierarchien und Konkurrenz entstehen enge Bindungen, die in Affären, Loyalitätskonflikten oder Trennungen münden. Weniger rasant als in soapesken Serien à la "Grey's Anatomy", aber mit spürbarem Herzschmerz. Das zeigt sich etwa an Roland Heilmann und seiner Pia: Ehekrise, Trennung, Versöhnung, drei Kinder und schließlich ihr tragischer Tod - da war wirklich alles dabei. Auch Kathrin Globischs Privatleben leidet regelmäßig unter dem Beruf - seit 1999 kommt sie somit auf rund 15 Beziehungen. Aktuell sind Heilmann und Globisch verheiratet. Mal sehen, wie lange noch.

Darüber hinaus stehen Figuren immer wieder vor moralischen Dilemmata, etwa wenn lebenserhaltende Maßnahmen gegen den mutmaßlichen Willen von Patient:innen abgewogen werden oder Angehörige uneins sind. In besonders drastischen Fällen geht es darum, ob ein Leben verlängert oder ein Sterbeprozess zugelassen wird. Entscheidungen, vor denen Ärzt:innen wie Roland Heilmann, Philipp Brentano oder Ilay Demir im Spannungsfeld von Medizin und Ethik stehen.

Für jüngere Zuschauende liegt genau darin der Reiz: Viele dieser Konflikte spiegeln Erfahrungen aus Ausbildung, Berufseinstieg oder dem Umgang mit dem Älterwerden der eigenen Eltern wider.

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Weniger Spektakel, mehr Substanz: Der besondere Ton der Serie

Im Vergleich zu aktuellen Krankenhaus-Serien wie "The Pitt" oder Dauerbrennern wie "Grey's Anatomy" wird deutlich, wie unterschiedlich medizinisches Erzählen heute funktioniert. "Grey's Anatomy" setzt auf dramatische Zuspitzung und spektakuläre Ereignisse - von Katastrophenfällen bis zu verdichteten Liebesgeschichten. Aber nicht abschrecken lassen: Auch "In aller Freundschaft" kennt Ausnahmesituationen wie Unfälle, Brände oder Seuchen-Szenarien, nur stehen diese hier weniger im Mittelpunkt.

Deutsche Formate wie "Die Spreewaldklinik" oder "Die Landarztpraxis" arbeiten außerdem noch stärker mit klaren Rollenbildern, emotionaler Direktheit und Heimatgefühl, während "Charité" einen historischen Zugang wählt. "In aller Freundschaft" hingegen bleibt bewusst zeitlos und seinem Stil treu. Konflikte entstehen weniger durch spektakuläre Ereignisse als durch Entscheidungen im Alltag.

Genau darin liegt seine besondere Qualität. In der schnell getakteten Serienwelt wirkt "In aller Freundschaft" zwar unspektakulärer, ist dafür aber näher an ihren Figuren. Wer sich darauf einlässt, entdeckt eine Erzählweise, die nicht auf schnelle Effekte, sondern auf nachhaltige Wirkung setzt.

Und was ist mit "Die jungen Ärzte"?

Ein interessanter Blick ergibt sich auch im Vergleich zum Ableger "In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte". Dieser rückt bewusst ein jüngeres Ensemble in den Fokus. Von ersten eigenverantwortlichen Eingriffen bis hin zu Konkurrenz unter Kolleg:innen ist alles dabei, womit sich Berufsneulinge auch im echten Leben herumschlagen müssen. Das lässt sich durchaus als Versuch lesen, gezielt jüngere Zuschauende anzusprechen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Viele dieser Themen sind schon immer auch Teil der Mutter-Serie. Nur weniger explizit als "junges" Narrativ verpackt. Während der Ableger somit klar auf ein junges und diverseres Ensemble setzt, zeigt sich diese Entwicklung auch im Original bereits in Ansätzen. Etwa durch Figuren wie die nach ihrem Ausstieg immer noch in Gastauftritten zu sehende Dr. Lilly Phan. Oder Dr. Ilay Demir, der seit 2021 festes Ensemblemitglied ist und neue Perspektiven einbringt, ohne den etablierten Kern zu verdrängen. Seit 2024 ist außerdem die von der 31-jährigen Schauspielerin Vanessa Rottenburg gespielte Dr. Lucia Böhm als Chefärztin der Notaufnahme mit von der Partie.

Gewiss: "In aller Freundschaft" will nicht um jeden Preis mitreißen. Umso mehr gelingt es der Serie, mithilfe der über viele Jahre hinweg liebgewonnenen Figuren zu berühren. Und genau das macht sie, auch heute noch, auf ihre ganz eigene Weise für jedes Alter relevant.


Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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