Anstehender Generationswechsel
Die jungen Neuen: Vergrault der "Tatort" seine älteren Darsteller:innen?
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von Johanna Grauthoff, Luisa A."Tatort" München: Das Duo (v. l.) Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec wird vom Ermittler-Team Ferdinand Hofer und Carlo Ljubek abgelöst.
Bild: picture alliance / Sammlung Richter / picture alliance/dpa | Peter Kneffel
Rund acht Millionen Zuschauende schalten schon über Jahrzehnte jeden Sonntag ein, um beim neusten Fall der "Tatort"-Kommissar:innen mitzufiebern. Viele beliebte Kommissar:innen verlassen jetzt den "Tatort". Werden langjährige, ältere Ermittler:innen gezielt aussortiert, um Platz für eine neue, jüngere Generation zu schaffen?
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Beliebte Gesichter verabschieden sich
Die ARD-Krimireihe "Tatort" steht vor einem spürbaren Umbruch. Zahlreiche langjährige Ermittler:innen werden sich in den kommenden Jahren verabschieden. Darunter auch die Publikumslieblinge Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer. Obwohl das Kommissar:innen-Duo aus Wien gute Quoten einfährt und derzeit eines der beliebtesten "Tatort"-Teams ist, werden sie 2026 zum letzten Mal als Bibi Fellner und Moritz Eisner ermitteln - angeblich auf eigenen Wunsch. Doch die Umstände werfen Fragen auf: Geht es hier wirklich nur um persönliche Entscheidungen?
Harald Krassnitzer wird zum Zeitpunkt seines Abschieds 66 Jahre alt sein, Adele Neuhauser 67. Auch das langjährige Ermittler:innenduo aus München scheidet 2026 aus. Mit Miroslav Nemec (dann 71) und Udo Wachtveitl (dann 67) verliert der "Tatort" gleich vier erfahrene Darsteller:innen in einem Jahr - alle im klassischen Pensionsalter oder darüber hinaus.
Stille Umstrukturierung des "Tatort"?
In den vergangenen Jahren ist ein klarer Trend zu erkennen: Der "Tatort" wird umgebaut. Zwischen 2024 und 2026 werden insgesamt elf Kommissar:innen aus der Reihe ausscheiden - neun von ihnen sind über 50 Jahre alt.
Es wirkt als ob das Alter der Darsteller:innen eine zunehmend entscheidende Rolle bei der Besetzung spielt - auch wenn die ARD betont, es gebe kein festgelegtes Maximalalter für "Tatort"-Kommissar:innen. Das wirft die Frage auf, ob langjährige, ältere Ermittler:innen gezielt aussortiert werden, um Platz für eine neue, jüngere Generation zu schaffen.
Die dienstälteste Ermittlerin Ulrike Folkerts (65), die seit 37 Jahren beim "Tatort" Ludwigshafen als Lena Odenthal zu sehen ist, brachte es im Herbst 2024 auf den Punkt:
Es wird gerade ein bisschen Tabula rasa gemacht beim 'Tatort'
Laut Folkerts sei die Neuausrichtung der öffentlich-rechtlichen Sender klar: jünger und vor allem diverser, um die Vielfalt unserer Gesellschaft auch im "Tatort" besser abzubilden. Die Folge: "Offensichtlich müssen die Alten das Feld räumen."
Rausschmiss wegen zu hoher Gagen?
Auch für Axel Milberg (heute 70) ist nach 21 Jahren Schluss. Im März war er im letzten Borowski-"Tatort" zu sehen. Gerüchte über einen unfreiwilligen Abgang machten schon bei seiner Ankündigung 2023 die Runde. Ein angeblicher Insider sprach gegenüber der "Bild" von einer Kombination aus Altersgrenze und hohen Gagen: "Es geht vermutlich ums Geld und ums Alter."
Annalena Schmidt (74), die gemeinsam mit Kollege Peter Espeloer (66) das Ludwigshafener Team 2024 verließ, äußerte sich ungewöhnlich offen über ihr "Tatort"-Aus. Die 74-Jährige offenbarte der Zeitung "Die Rheinpfalz", dass sie gegen ihren Willen in den Ruhestand geschickt wurde. Das Hauptargument: die hohen Gagen der langjährigen "Tatort"-Kommissare:
Natürlich sind alle, die uns jetzt ersetzen, billiger. Weil wir vor 25 Jahren ja noch ordentliche Gagen ausgehandelt haben. Heute kriegen jüngere Leute nicht das Geld, das wir gekriegt haben.
Notwendiger Schritt durch Realitätsferne?
Ein Blick auf die realen Strukturen im Polizeidienst stützt die Argumentation, dass der "Tatort" eine Verjüngung anstrebt:
Polizeivollzugsbeamt:innen in Deutschland gehen in der Regel mit 62 bis 65 Jahren in den Ruhestand - Schichtdienst und körperliche Belastung führen oft sogar zu einem noch früheren Karriereende. Kommissar:innen über 65 , wie sie im "Tatort" bisher durchaus vorkommen, sind im echten Polizeidienst daher eher die Ausnahme als die Regel.
Auch der Altersdurchschnitt der "Tatort"-Ermittler:innen spricht eine klare Sprache: Lag dieser im Jahr 2004 noch bei rund 47 Jahren, ist er bis 2024 auf etwa 52 Jahre gestiegen. Damit entfernt sich das Format zunehmend vom realistischen Altersbild deutscher Ermittler:innen
Da der "Tatort" aber laut ARD realitätsnahe Lebenssituationen abbilden soll, stellt sich die Frage, ob alternde Ermittler:innen diesem Anspruch noch gerecht werden - oder ob der Wandel notwendig ist, um die Authentizität der Krimi-Reihe zu wahren.
Die neuen Gesichter: Jung, divers, modern
Ab 2025 und 2026 gibt es daher viele neue Figuren in den Ermittler:innen-Teams. Von den neuen Kommissar:innen ist niemand über 50 Jahre alt. Viele der Neuzugänge bringen einen Migrationshintergrund mit. So übernimmt etwa das neue Münchner Team mit Carlo Ljubek (50) und Ferdinand Hofer (33), der bereits seit 2014 in Nebenrollen im "Tatort" zu sehen war. In Kiel ermitteln künftig Karoline Schuch (44) und Almila Bagriacik (36) und für Frankfurt und Wiesbaden gehen Edin Hasanović (34) und Melika Foroutan (50) an den Start. Rosalie Thomass (39) ("Tatort" Nürnberg) wird das Ermittler:innen-Team um Felix Voss (Fabian Hinrichs) verstärken und zukünftig wird Sophia Burtscher (36) in die Rolle der Hauptkommissarin Leo Sturm schlüpfen. Außerdem unterstützt Denis Moschitto (49) das Team als Cyber-Polizist Mario Schmitt beim NDR-"Tatort".
Mit diesen neuen Gesichtern sinkt der Altersdurchschnitt im Ensemble deutlich. Rechnet man die elf ausscheidenden Kommissar:innen heraus, liegt das Durchschnittsalter der "Tatort"-Ermittler bereits jetzt nur noch bei etwa 50 Jahren - mit weiter sinkender Tendenz.
Die Neuen sind also auffallend jung. Gibt es mit Blick auf den Frauenanteil, die Altersstruktur und die Herkunft also doch eine Agenda? Offiziell wird das verneint: "Die Auswahlkriterien sind von Fall zu Fall verschieden. Es gibt keinen von der ARD vorformulierten übergeordneten Anforderungskatalog", heißt es auf Nachfrage.
Mehr Infos zu den neuen Ermittler-Duos:
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
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