Teenie-Komödie mit Marleen Lohse
Filmkritikerin Antje Wessels fragt sich: Ist das der deutsche "American Pie"?
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von Antje Wessels"American Pie" auf Deutsch? Filmkritikerin Antje Wessels (l.) vergleicht den Film-Hit mit einer deutschen Komödie mit Marleen Lohse (r.).
Bild: IMAGO/Everett Collection/Sven Simon/Adobe Stock/Andi
Die "American Pie"-Reihe hat die Teenager der Zweitausenderjahre maßgeblich geprägt. Kein Wunder also, dass zu dieser Zeit jede Menge Trittbrettfahrer unterwegs waren. Sogar aus Deutschland. Ein großer Titel: "Küssen verboten, baggern erlaubt". Ist der Film die deutsche Anwort auf"American Pie"?
An manchen Filmtiteln bleibt man schneller hängen als an anderen. "Küssen verboten, baggern erlaubt" ist definitiv einer von denen, die sofort Aufmerksamkeit auf sich ziehen - zumindest meine. Die 2003 entstandene ProSieben-Komödie mit Marleen Lohse, Bo Hansen und Jona Mues klingt schon vom Titel nach einer ziemlich wilden Mischung. Irgendwo zwischen leicht frivol angehauchtem Teenagerfilm, Sommerfeeling und pubertärer Chaos-Komödie.
Und irgendwie drängt sich bei dieser Mischung ein Vergleich auf: Ist das hier die deutsche Antwort auf "American Pie"? Mit Marleen Lohse in einer ihrer ersten großen Rollen? Das klingt zwar absurd, aber es war mir Anlass genug, um einmal näher hinzuschauen. Denn tatsächlich entdecke ich bei den beiden Filmen erstaunliche Parallelen - aber natürlich auch einige Unterschiede. Wie viel "American Pie" steckt wirklich in "Küssen verboten, baggern erlaubt"?
"American Pie": Mehr als Sex und Fremdscham?
Wer bei "American Pie" nur an nackte Haut, versaute Witze und den titelgebenden Apfelkuchen denkt, macht es sich aus meiner Sicht ein bisschen zu einfach. Denn nur mit diesen Zutaten wird kein Streifen zum Kultfilm, der bis heute eine enorme Anhängerschaft um sich schart.
Gehen wir dem Phänomen also mal genauer auf den Grund. Als der Film 1999 in die Kinos kam, erzählte er zwar denkbar schamlos von vier Highschool-Freunden, die sich vorgenommen haben, bis zum Abschlussball ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Aber hinter all den peinlichen Sexfantasien und pubertären Katastrophen steckte eben auch eine ziemlich klassische Coming-of-Age-Geschichte. Das bedeutet in diesem Fall: Die Figuren wollen zwar erwachsen sein - beziehungsweise es erst einmal werden, wissen aber eigentlich gar nicht, wie das funktioniert. Also machen sie sich gegenseitig Druck, vergleichen ihre Erfahrungen und versuchen herauszufinden, was Liebe, Sex und Beziehungen für sie überhaupt bedeuten. Das ist zwar zum Großteil wirklich witzig, wird aber an vielen Stellen auch überraschend emotional.
Der Running Gag um "Stiflers Mom" (gespielt von Jennifer Coolidge, im Porträt rechts) ist einer der berühmtesten Popkultur-Gags der 2000er-Jahre.
Bild: United Archives
Ich könnte mir vorstellen, das schon hierin das Geheimnis für den Erfolg der Reihe liegt. Denn "American Pie", der nicht nur drei weitere Kinofilme, sondern auch zahlreiche Videothekentitel nach sich zog - die übrigens allesamt nichts mehr mit den Figuren aus der Originalreihe zu tun haben -, traf einfach genau den Nerv einer Generation. Und die stellte sich ja nicht bloß Ende der Neunziger und Anfang der Zweitausender all diese Fragen rund ums Erwachsenwerden.
Mit diesen Problemen wird jeder Teenager irgendwann konfrontiert. Fragen wie "Bin ich normal?", "Warum haben alle anderen schon Sex, nur ich nicht?" oder einfach "Wie geht Sex überhaupt?" bleiben Pubertäts-Dauerbrenner - egal ob 1999 oder 2026. Im Falle von "American Pie" kommen natürlich noch viele derbe Gags und zahlreiche Fremdscham-Momente hinzu. Aber dahinter ging es auch immer um Freundschaft. Und wer etwas ganz Melancholisches in die Filmreihe hineinlesen möchte: um den Abschied von der eigenen Jugend. Es war also kein Wunder, dass im Fahrwasser der Reihe zahlreiche Filme mit ähnlichen Zutaten auf dem Markt kamen. Und einer davon kam eben aus Deutschland.
"Küssen verboten, baggern erlaubt": Darum geht's
Damit wären wir auch schon bei unserem deutschen Kandidaten. "Küssen verboten, baggern erlaubt" entstand 2003 als Eigenproduktion für ProSieben und führt uns mitten hinein in einen Sommer, in dem sich bei einer Gruppe Jugendlicher so ziemlich alles um die schönste Nebensache der Welt dreht. Im Mittelpunkt stehen die 17-jährige Julia (Marleen Lohse) und ihr Klassenkamerad Philip (Bo Hansen). Die beiden verbindet vor allem ihre gemeinsame Leidenschaft für Beachvolleyball. Als sie zusammen mit ihrem Team zu einem Turnier nach Spanien reisen, tragen die beiden allerdings nicht nur sportlichen Ehrgeiz mit im Gepäck. Denn Julia hat ihren eifersüchtigen Freund Andi (Jona Mues) dabei, während Philip seine Aufmerksamkeit lieber den zahlreichen hübschen Mädchen am Strand widmet. Gemeinsam mit seinem Freund David fasst er schließlich einen ziemlich ambitionierten Vorsatz: Die drei wollen während des Turniers keinen Sex haben. Was zunächst nach einer ziemlich einfachen Aufgabe klingt, erweist sich erwartungsgemäß als deutlich komplizierter, denn in diesem Alter kochen die Hormone nun mal über.
Ihr merkt schon: Ein erster Vergleich zwischen "Küssen verboten, baggern erlaubt" und "American Pie" liegt allein schon bei der Ausgangslage auf der Hand. Denn auch Regisseur Lars Montag - er zeichnete später unter anderem für zahlreiche Folgen des Streaminghits "How to Sell Drugs Online (fast)" verantwortlich - macht in seinem Film die sexuelle Unerfahrenheit und den damit verbundenen Gruppendruck zum Ausgangspunkt seiner Geschichte. Auch hier geht es um Jugendliche, die sich und ihre Erfahrungen miteinander vergleichen und natürlich auch beweisen wollen, dass sie in Sachen Liebe und Sex schon längst erwachsen sind.
Dazu kommen Themen wie Eifersucht, erste große Gefühle, jede Menge Flirts und ein sonniger Schauplatz, der die Sache nicht gerade einfacher macht. Und mittendrin: Marleen Lohse, die heute vor allem als Jule Christiansen aus "Nord bei Nordwest" bekannt ist, hier aber noch deutlich näher an ihrer eigenen Teenagerzeit spielt. Wir erinnern uns: Ihre ersten Gehversuche vor der Kamera machte sie ab 1998 in der Heimatserie "Die Kinder vom Alstertal" in der Rolle der "Hexe". Die Zutaten für einen deutschen "American Pie"-Verwandten wären also zumindest schon einmal vorhanden.
Mehr zu Marleen Lohse
Was macht der Star aus "Küssen verboten, baggern erlaubt" heute?
Ein deutsches "American Pie"? Nicht ganz …
Aber ist "Küssen verboten, baggern erlaubt" deshalb tatsächlich das deutsche "American Pie"? Nun ja, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn während die amerikanische Kult-Reihe ihre Figuren mit einer gehörigen Portion Fremdscham, in bisweilen ziemlich derbe und absurde Situationen schubst, gibt sich die deutsche Variante deutlich zahmer. Hier geht es weniger darum, möglichst hemmungslos zu provozieren. Stattdessen ist "Küssen verboten, baggern erlaubt" eher eine klassische Teenager-Komödie, in der neben den Themen Sex, Flirts und Freundschaft auch der Beachvolleyball eine durchaus größere Rolle einnimmt - der Titel ist ja auch ganz deutlich eine Anspielung an den Sport. Auch die Figurenkonstellation ist eine andere: Wo "American Pie" vor allem von der Dynamik seiner festen Clique lebt, verteilt "Küssen verboten, baggern erlaubt" seine Aufmerksamkeit stärker auf die unterschiedlichen Beziehungen und kleinen Dramen innerhalb der Gruppe.
Ich würde mich daher eher an eine andere Beschreibung wagen: "Küssen verboten, baggern erlaubt" ist nicht das deutsche "American Pie". Stattdessen werden hier die Grundzutaten des erfolgreichen Teenie-Franchise durch den Filter einer deutschen Komödie aus den frühen Zweitausendern geschickt. Mit dabei: Ein bisschen Sex, ein bisschen Liebeskummer, dazu Sonne, Strand und Sport. Und fertig ist die Mischung, die vor allem den Nerv der Zielgruppe trifft. Das klingt heute vielleicht ein wenig nach einer längst vergangenen Fernsehzeit. Aber das macht "Küssen verboten, baggern erlaubt" auch auf charmante Weise zu einem durchaus unterhaltsamen Zeitdokument.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
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