Oscar-Nominierung

Joel Edgerton: Der Mann, über den Hollywood diese Saison spricht

Veröffentlicht:

von Silke Burmeister

Silke Burmeister über den Oscar-Kandidaten "Train Dreams".

Bild: Privat


Manche Filme berühren mehr als andere - und genauso ist es mit Interviews. Beim Gespräch mit Schauspieler Joel Edgerton und Regisseur Clint Bentley über den vierfach Oscar-nominierten Film "Train Dreams" spürte ich sofort, dass hier zwei Filmschaffende am Werk sind, die an das Independent-Projekt geglaubt und Herzblut hineingesteckt haben.

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"Train Dreams" im Oscar-Rennen

Ich hatte Joel und Clint erstmals bei einem kleinen, exklusiven Presse-Cocktail in Hollywood kennengelernt, direkt nach der Premiere. Ohne Kameras, dafür mit echten Gesprächen. "Train Dreams" hatte mich so beeindruckt, dass ich beim Handshake noch leicht gerötete Augen hatte.

Ein paar Wochen später traf ich sie dann wieder im Aster Hotel, wo das eigentliche Interview stattfand. Schön war, dass sie sich tatsächlich an mich erinnerten - wahrscheinlich wegen der Tränen beim ersten Treffen.

Und nun werden ihre Mühen belohnt: mit Oscar-Nominierungen und begeisterte Kritiken, die zeigen, wie sehr dieser Film Menschen erreicht.

Vom Warrior-Fighter zum nachdenklichen "Train Dreams"

Viele kennen Joel Edgerton noch aus "Warrior", dem Fighter-Drama mit Kultstatus. Für viele war er damals einfach "der Typ aus diesem krassen MMA-Film." Als ich ihn darauf anspreche, lacht er: "Ich habe mit dem Film gelernt, wie ich Leute verprügle."

Doch dann wird er ernst: Für den australischen Schauspieler Joel Edgerton war "Warrior" nie nur ein Kampf-Film. Es ging immer auch um Familie, um Brüder und alte Wunden, die irgendwann heilen müssen.

Kaum gesagt, schnappt er reflexartig  - einhändig! - nach einer vorbeifliegenden Mücke. Die Nachwirkungen von "Train Dreams": Nach 29 Drehtagen mitten im Wald in Washington State - ohne Luxus, nur mit atemberaubender Natur und tausenden winzigen Stechfliegen. Zwischen "Warrior" und "Train Dreams" liegen 15 Jahre. "Train Dreams" verlangte von ihm etwas völlig anderes: eine sensible, einfühlsame Darstellung eines Mannes, der versucht, in der Wildnis und innerhalb seiner Familie seinen Platz zu finden.

"Dieser Film hat mir etwas ganz Besonderes über mich selbst beigebracht: Wie sehr ich versuche, vor mir selbst davonzulaufen", sagt Edgerton. "Ich neige dazu, Menschen zu spielen, die ganz anders sind als ich, wie auch in "The Great Gatsby", und hatte immer Angst, dass eine Figur mir ähnlicher wäre. Wie interessant wäre das wohl?"

Doch dann kam Regisseur und Co-Drehbuchautor Clint Bentley auf den vielseitigen Schauspieler zu und bot ihm die Gelegenheit, mal eine ganz andere Seite von sich zu zeigen.

"Zu der Zeit waren meine Zwillinge 1,5 Jahre alt, und ihre Sicherheit war meine größte Sorge als Vater", erzählt Joel. "Verheiratet und oft unterwegs, wusste ich, wie herausfordernd es ist, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Ich dachte, "Train Dreams" wäre eine Chance, mit dem Verkleiden aufzuhören, sehr persönlich zu sein und Clint mehr von mir selbst zu zeigen - etwas, was sich präsent und ehrlich anfühlt."

Schaue "Warrior" mit Joel Edgerton auf Joyn


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Worum geht’s bei "Train Dreams"?

Der Film basiert auf der Novelle von Denis Johnson. Joel Edgerton spielt Robert Grainier, einen einfachen Holzfäller im frühen 20. Jahrhundert, der seine Zeit zwischen harter Arbeit und Familie aufteilt, bis ein verheerendes Feuer seine Welt zerstört.

Als Roberts Frau stirbt, spielt Joel diese Trauer nicht laut, keine überinszenierten Tränen. Es ist ein innerer Schmerz, der im Blick liegt, in kleinen Pausen, in der Art, wie er atmet, und in winzigen Bewegungen. Roh. Echt. Mutig.

"Ich bin zwar kein Holzfäller, aber ich habe so sehr gespürt, dass Roberts Erfahrungen und Gefühle in mir stecken. Das hat mir gezeigt, dass ich davor keine Angst mehr haben muss. Ich möchte immer noch nach Rollen suchen, die mich herausfordern, aber auch nach Dingen, mit denen ich mich verbunden fühle, denn dann habe ich meiner Meinung nach mehr zu sagen", erzählt der 51-Jährige.

An Joel Edgertons Seite spielen Felicity Jones, Kerry Condon und William H. Macy. Visuell ist der Film ein Erlebnis: Die Kameraführung von Adolpho Veloso (Oscar-nominiert) fängt die Natur nicht als Postkartenmotiv ein, sie wird selbst zu einer Figur, die das Leben der Charaktere beeinflusst.

Besonders bemerkenswert: Nur eine Szene in "Train Dreams" nutzt künstliches Licht - ein entscheidender Moment, in dem Robert durch eine Wand aus Flammen rennt. Ansonsten hat der brasilianische Kameramann Veloso auf Sonne, Kerzenlicht und Feuer gesetzt. Das erforderte nicht nur einen speziellen Drehplan, sondern auch ein hohes Maß an Flexibilität.

Interessant ist auch: "Train Dreams" feierte 2025 beim Sundance Film Festival Premiere, komplett unabhängig produziert, mit einem Budget von angeblich rund zehn Millionen US-Dollar. Netflix kam erst später als Partner dazu. Zum Vergleich: Große Hollywood-Produktionen wie "F1" oder "One Battle After Another" sollen Budgets von weit über 130 Millionen Dollar haben.

Trotz des vergleichsweise kleinen Budgets sorgt dieses Projekt seit Monaten für Gesprächsstoff, hat bereits zahlreiche Preise gewonnen und ist nun bei den Academy Awards in vier Kategorien nominiert: Best Picture, Best Adapted Screenplay (Clint Bentley/Greg Kwedar), Best Original Song (Nick Cave & Bryce Dessner) und Best Cinematography (Adolpho Veloso).

Oscar-Countdown und Hoffnung

Und egal, wie es ausgeht, "Train Dreams" ist einer dieser Filme, die bleiben. Wegen ihrer Ehrlichkeit. Regisseur Clint Bentley fasst die Botschaft des Films zusammen:
"Wir können schwierige Zeiten nicht vermeiden. Trauer, Schmerz und Tod lassen sich nicht verhindern. Und doch ist das Leben sehr schön. Man weiß nie, welche wunderbaren Dinge noch kommen."

Vielleicht ist das der Kern von "Train Dreams": Trauer gehört zum Leben. Aber Hoffnung auch.

Nach dem Interview verabschiede ich mich - diesmal ohne wässrige Augen, dafür mit einem warmen Lächeln. "Train Dreams" kannst du auf Netflix streamen. Und wer den vielseitigen Schauspieler Joel Edgerton noch einmal als Kämpfer sehen möchte: "Warrior" ist aktuell auf Joyn verfügbar.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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