"Tod nach der Disco - Der Eiskellerfall"

Nach 945 Tagen kam Justizopfer Sebastian T. frei: Doku zeigt emotionalen Moment

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von teleschau

Insgesamt 945 Tage saß Sebastian T. unschuldig in Haft.

Bild: NDR/Thomas Bresinsky


Lange galt Sebastian T. als "der Killer von Aschau", im November 2025 wurde er jedoch freigesprochen: Er hat die Medizinstudentin Hanna W. nicht umgebracht. Eine ARD-Doku zeichnet nach, wie der 20-Jährige zum Justizopfer wurde.

Als am 3. Oktober 2022 die Leiche der 23-jährigen Medizinstudentin Hanna W. in einem Wildbach gefunden wird, ist das beschauliche Aschau in Aufruhr. Ist die junge Frau einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen? Sowohl für die Rechtsmediziner:innen als auch für die Ermittler:innen ist schnell klar: Ja. Doch trotz über 2.000 Spuren kommen sie einem möglichen Täter kein Stück näher - bis mehrere Zeug:innen von einem Jogger berichten, den sie in der Nacht von Hannas Tod gesehen haben.

Der damals 20-jährige Sebastian T. wird zum Hauptverdächtigen und das, obwohl es keine Beweise für seine Schuld gibt. Dennoch wird er vom Landgericht Traunstein wegen gefährlicher Körperverletzung und Mordes zu neun Jahren Haft verurteilt. Über ein Jahr später folgt dann der Freispruch. Die ARD rollte den Fall in drei neuen Folgen seiner "ARD Crime Time"-Reihe noch einmal auf. Dabei kommen viele der Beteiligten selbst zu Wort - auch Sebastian T.

Sebastian T. wird zum Hauptverdächtigen

Es regnet an jenem verhängnisvollen Wochenende im Oktober. Die Prien und der Bärbach, die durch den Ort fließen, führen deutlich mehr Wasser als sonst. Trotz des schlechten Wetters entscheiden sich Hanna W. und ihre Freund:innen, am Abend des 2. Oktobers feiern zu gehen. Nach dem "Vorglühen" machen sie sich auf den Weg in den Eiskeller und trinken dort weiter. Am Ende des Abends wird die Medizinstudentin 2,06 Promille im Blut haben.

Währenddessen ist Sebastian T. zu Hause. Weil er nicht schlafen kann, geht er in der Nacht joggen. Dabei kommt er auf dem Parkplatz am Eiskeller vorbei. Die Sicht auf den Club ist größtenteils durch eine Mauer versperrt. Dennoch werden Ermittler:innen später davon ausgehen, dass der damals 20-jährige Auszubildende dort Hanna W. gesehen hat und anschließend seine Laufrunde verlängert hat, um auf sie zu treffen. Die später ausgewerteten Handydaten von Hanna W. und Sebastian T. sprechen jedoch laut Expert:innen gegen diese Theorie.

Verletzungen von Hanna W. geben Rätsel auf

Nachdem Hanna W. am nächsten Tag in der Prien gefunden wird, wird ihr Leichnam in die Rechtsmedizin nach München gebracht. Dort fallen den Rechtsmediziner:innen vor allem die gebrochenen Schulterdächer sowie fünf gleichförmige Wunden am Kopf auf. Sie gehen daher von einem gewaltsamen Tod der Studentin aus.

Doch Rechtsmediziner Klaus Püschel, der im Verfahren als Gutachter für die Verteidigung tätig war, kommt zu einem anderen Schluss: Die Verletzungen könnten auch entstanden sein, als Hanna W.s Leichnam zwölf Kilometer lang durch den Bärbach und die Prien trieb. Später bekräftigen weitere Gutachten dies im zweiten Prozess.

"Sie können erst gehen, wenn sie diese Frage beantwortet haben"

Nach dem Aufruf der Polizei meldet sich Sebastian T. selbst bei der Behörde. Doch schnell wird der Ton der Ermittler:innen ein anderer: "Da ist es halt ein bisschen lauter geworden", erinnert sich der inzwischen 23-Jährige im ARD-Interview. Die Beamt:innen hätten ihn gefragt, was er glaubt, was an jenem Abend passiert sei. Sein "keine Ahnung", hätten sie nicht gelten lassen, erzählt Sebastian T. "Dann haben sie halt gesagt: 'Sie können erst gehen, wenn sie diese Frage beantwortet haben'", hier muss der 23-Jährige kurz innehalten - "Und dann habe ich mir halt was ausgedacht."

Sebastian T. spricht etwas abgehackt und muss ab und an kurz überlegen, bevor er seine Gedanken in Worte fassen kann. Der 23-Jährige habe "keinen sehr hohen Intelligenzquotienten", beschreibt ihn "Zeit"-Journalistin Sabine Rückert in der ARD-Doku. Er sei der Situation "nicht im Ansatz" gewachsen gewesen. Das zeigt sich auch, als Sebastian T. selbst die Ermittler:innen auf eine Freundin aufmerksam macht, deren Aussage später zur Grundlage für seine Verhaftung wird: Er hätte ihr bereits am 3. Oktober von einer Frauenleiche erzählt. Für die Polizei ein Hinweis auf Täterwissen.

Dass eben jene Freundin ihre eigene Aussage bereits kurz nach ihrer Befragung in einer Nachricht an Sebastian T. korrigiert, wird, wie so vieles im ersten Prozess nicht beachtet. Auch die vorsitzende Richterin fällt teilweise negativ auf: Sie sei zwar sehr auf Hanna Ws Eltern bedacht gewesen, doch mit Sebastian T. sei sie anders umgegangen: "Da war sie ganz erkennbar sich sicher: Da sitzt der richtige Mann", erinnert sich Gerichtsreporter Benedikt Warmbrunn, der den Prozess für die "Süddeutsche Zeitung" begleitete.

Eine falsche Zeugenaussage und keine Spuren

Ein weiteres Indiz der Staatsanwaltschaft für die Schuld von Sebastian T. ist die Aussage des Mithäftlings Adrian M. Der behauptet, dass der 23-Jährige ihm gegenüber ein Geständnis gemacht habe. Die Polizei stuft den verurteilten Sexualstraftäter als vertrauenswürdig ein, obwohl sich später herausstellt, dass er bereits andere seiner Mitinsassen fälschlich belastet hat.

Während am Landgericht Traunstein die Richterin auf eine Verurteilung pocht, glaubt Strafverteidigerin Regina Rick an einen Unfall: Die angetrunkene Hanna W. sei ihrer Auffassung nach in den Bach gestürzt und vom Hochwasser mitgezogen worden. Schließlich wurden am angeblichen Tatort weder DNA- noch Blutspuren von der Studentin oder von Sebastian T. gefunden.

Während Rick Gutachter beauftragt und Anträge stellt, tauschen sich die Richterin und ein Vertreter der Staatsanwaltschaft in E-Mails über den Prozess aus. Ein Befangenheitsantrag wird jedoch abgelehnt und Sebastian T. wird schließlich am 19. März 2024 verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt sitzt er bereits seit beinahe eineinhalb Jahren in der JVA Traunstein.

Nach 945 Tagen ist Sebastian T. wieder frei

Doch Rick hat gemeinsam mit ihrem Kollegen Yves Georg mit einem Revisionsantrag beim Bundesgerichtshof Erfolg. Die vorsitzende Richterin sei befangen, heißt es. Außerdem entkräften weitere Gutachten sowohl die Theorien der Ermittler:innen zum Tathergang als auch den Zeugen Adrian M. Die ARD-Kameras sind dabei, als die Verteidigerin direkt im Anschluss Sebastian T. aus der JVA abholen kann. Der junge Mann ist sichtlich emotional, als er seine Mutter endlich wieder in den Arm nehmen kann. Nach 945 Tagen ist er wieder in Freiheit.

Drei Monate später kommt es erneut zum Prozess. Sowohl die Kammer, die Richterin als auch die Staatsanwaltschaft sind ausgetauscht worden. Am 25. November 2025 wird Sebastian T. freigesprochen.

Doch während der Fall für die Justiz abgeschlossen ist, wird er in Aschau wohl noch lange nachwirken. Mehr als zwei Jahre war Sebastian T. als Mörder gebrandmarkt. Er hat die meisten seiner Freund:innen verloren und auch seine Familie hatte sich größtenteils aus der Gemeinschaft zurückgezogen. Die Eltern von Hanna W. haben nicht nur ihr Kind verloren, sondern wissen bis heute nicht, was ihrer Tochter in jener Nacht passiert ist. Nur eins ist in diesem Fall erwiesen: Sebastian T. ist unschuldig.

Die drei Folgen von "ARD Crime Time: Tod nach der Disco - Der Eiskellerfall" laufen am Mittwoch, 4. Februar, ab 22:50 Uhr nacheinander im NDR und im Livestream auf Joyn.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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