Verlust und Trauer
Warum mich "Ghost Whisperer" mit Jennifer Love Hewitt heute mehr gruselt als jemals zuvor
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von Antje WesselsWegen ihr findet Antje Wessels heute "Ghost Whisperer" immer noch gruselig: Melinda Gordon (Jennifer Love Hewitt).
Bild: 2006 ABC/ABC Studios, Joyn
Früher fand Filmkritikerin Antje Wessels die Geister in "Ghost Whisperer" gruselig. Das ist heute immer noch so - aber etwas ganz anderes sorgt mittlerweile für Gänsehaut. Eine sehr persönliche Bestandsaufnahme über Verlustangst und Trauerarbeit.
Ghost Whisperer - Stimmen aus dem Jenseits
Ghost Whisperer - Stimmen aus dem Jenseits
Seit ihrer Kindheit kann Melinda Gordon mit den Seelen verstorbener Menschen sprechen. Sie hilft ihnen dabei, Dinge abzuschließen, die sie zu Lebzeiten nicht mehr erledigen konnten.
Als die Mystery-Serie "Ghost Whisperer - Stimmen aus dem Jenseits" zwischen 2005 und 2010 über fünf Staffeln hinweg lief, faszinierte mich vor allem die Ausgangslage: Eine junge Frau kann mit Verstorbenen sprechen und hilft ihnen dabei, ihren Frieden zu finden. Genau die richtige Mischung aus Geistergeschichte, Gänsehaut und übernatürlichen Rätseln für jemanden, der ohnehin alles verschlang, was mit unerklärlichen Phänomenen zu tun hatte. Doch je älter ich geworden bin, desto mehr hat sich mein Blick auf die Serie verändert. Denn hinter den Geistererscheinungen verbergen sich Geschichten über Verlust, Schuld, Trauer und all die Dinge, die Menschen einander nie mehr sagen können.
Das geht schon mit der Pilotfolge los, in der ein junger Vietnam-Veteran bei einem Flugzeugabsturz stirbt und noch Jahrzehnte nach seinem Tod keinen Frieden findet. Er hatte seiner Familie einfach noch so viel zu sagen.
Starte jetzt mit der ersten Folge von "Ghost Whisperer"
Die Faszination für das Unerklärliche
Als "Ghost Whisperer" im deutschen Fernsehen startete, war ich 14 Jahre alt. Das war genau die Zeit, in der ich begann, mich für alles zu interessieren, was irgendwie unheimlich war. Je mysteriöser, desto besser! Bei den "Drei Fragezeichen" fand ich von Anfang an die unheimlichsten Folgen am interessantesten. Und ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mir aus der Stadtbücherei immer wieder ein "Was ist Was"-Buch über unerklärliche Phänomene ausgeliehen und mir ein Poster mit einem UFO-Motiv ins Kinderzimmer gehängt habe. Angeheizt wurde dieses Interesse auch von TV-Serien. Jeden Samstagmorgen liefen mehrere Folgen "X-Factor: Das Unfassbare" hintereinander. Hinzu kamen Serien wie "Gänsehaut", "Akte X" und später "Supernatural", die ich nach und nach entdeckte - und mich dabei zum Teil schrecklich gruselte.
"Ghost Whisperer" habe ich dagegen nicht von Anfang an verfolgt. Irgendwann bin ich beim Durchblättern der TV-Zeitschrift - ja, sowas hatten wir damals! - über den Zusatztitel "Stimmen aus dem Jenseits" gestolpert. Das klang genau nach meinem Gusto und hatte offenbar die richtigen Knöpfe gedrückt. Eine Serie über eine Frau, die mit Geistern spricht? Das klang nach genau der Art von wohligem Grusel, für den ich damals sofort zu begeistern war.
Dabei war ich gleichzeitig ein absoluter Schisser. Ich liebte Schauergeschichten, mit einer kleinen Prise Horror, solange sie auf dem Bildschirm stattfanden. Sobald die Folge vorbei war, sah die Sache anders aus. Dann wurden plötzlich die dunklen Flure in unserem Haus unheimlich, jedes Knacken ließ mich nachts zusammenzucken und an Schlaf war manchmal erst zu denken, nachdem ich mich mehrmals vergewissert hatte, dass wirklich niemand in einer Ecke meines Zimmers stand. Genau deshalb übte "Ghost Whisperer" auf mich einen solchen Reiz aus. Die Serie war unheimlich genug, um mir eine Gänsehaut zu verpassen, aber nie so grausam oder düster, dass ich abschalten musste. Für mein jugendliches Ich war das die perfekte Mischung.
Besonders die vielfältige Darstellung der Geister hat mich damals beeindruckt. Anders als in vielen anderen Serien waren das nämlich nicht einfach harmlose, "durchsichtige" Erscheinungen. Viele trugen die Spuren ihres Todes noch sichtbar an sich: Zum Beispiel die kleine Emily in der Folge "Haus der Schuld" (Staffel zwei, Folge drei), die nach einem tödlichen Badeunfall noch nasse Haare hatte. Ein wahrlich gruseliger Anblick. Auch der Flugzeugabsturz am Ende der ersten Staffel hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
So tragisch war das Schicksal der kleinen Emily
Das wirklich Unheimliche sind nicht die Geister
Wenn ich heute an "Ghost Whisperer" denke, fallen mir zuerst natürlich noch immer die Geister ein. Die Frau im Spiegel, der Schatten am Ende eines Flurs, die verstorbene Person, die plötzlich mitten im Wohnzimmer steht und nur von Melinda gesehen werden kann - natürlich hat mich das erschreckt. Genau dafür habe ich die Serie ja auch eingeschaltet.
Gruselig finde ich heute allerdings etwas ganz anderes - auch wenn die Geister geblieben sind. Der heutige "Grusel" kommt von den tragischen Schicksalen. Denn mittlerweile sehe ich die Geister nicht mehr bloß als die Verstorbenen, die keine Ruhe finden. Ich sehe Menschen, die zurückbleiben und Hilfe benötigen.
Vielleicht liegt das auch daran, dass ich schon sehr früh mit dem Thema Verlust konfrontiert wurde. Als ich neun Jahre alt war, starb völlig unerwartet ein sehr guter Freund an einem Blutgerinnsel im Kopf. In einem Alter, in dem viele Kinder den Tod noch als etwas Abstraktes wahrnehmen, war er für mich plötzlich real. Von einem Tag auf den anderen war da die Erkenntnis, dass Menschen verschwinden können. Und zwar nicht erst, wenn man alt ist, sondern einfach so.
Geistererscheinungen in "Ghost Whisperer" liefern Trost
Natürlich habe ich mir damals noch nicht die großen philosophischen Fragen des Lebens gestellt. Aber diese Erfahrung hat natürlich etwas mit mir gemacht. Und mit den Jahren kamen - wie vermutlich bei jedem Menschen - weitere Abschiede und Traumata hinzu. Vielleicht war das schon damals der Ausgangspunkt für mein Interesse am Übernatürlichen. Aber mittlerweile bin ich Mitte 30, und "Ghost Whisperer" wirkt heute anders auf mich als damals. Ich nehme eher die Tragik wahr, wenn sich Familien nicht mehr verabschieden können, oder die Hinterbliebenen Schuldgefühle plagen. Auch die schmerzhafte Erkenntnis, dass manche Fragen vielleicht niemals beantwortet werden, verschafft mir einen Kloß im Hals. Denn auch ich habe die Zeit mit meinen Lieben nicht immer perfekt genutzt und mache mir bis heute Vorwürfe, vor dem Tod meiner Oma nicht oft genug bei ihr gewesen zu sein. Das hatte ein bisschen was von dem Handlungsstrang rund um Melindas Eheman Jim, der im Verlauf der vierten Staffel stirbt. Ein absoluter Schock für Melina und für das Publikum.
Und so erscheint mir die Vorstellung, dass gestorbene Menschen als Geister zurückkehren, heute fast tröstlich. Denn die eigentliche Horrorvorstellung ist nicht, dass Tote zurückkehren könnten. Die eigentliche Horrorvorstellung ist, dass sie es nicht tun.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
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