Nicht für "The Revenant"!
Der falsche Oscar zur falschen Zeit: Für welchen Film Leonardo DiCaprio ihn wirklich verdient hätte
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von Antje WesselsEine Performance der Extraklasse: Leonardo DiCaprio in Martin Scorseses "The Wolf Of Wall Street".
Bild: picture alliance / dpa | Mary Cybulski/Universal
2016 fühlte sich Leonardo DiCaprios Oscar für "The Revenant" eher wie eine Wiedergutmachung an, anstatt wie eine Anerkennung für seine erbrachte Leistung. Eine Entschuldigung dafür, ihn bei den Awards jahrelang übergangen zu haben. Dabei hätte er den Goldjungen schon viel früher verdient gehabt.
Viele Jahre war Leonardo DiCaprio das Paradebeispiel für den ewigen Oscar-Anwärter: immer dabei, aber selten wirklich berücksichtigt. Schon früh ging er für "Gilbert Grape" leer aus, später folgten vermeintlich sichere Chancen mit Filmen wie "Aviator", "Blood Diamond" oder "The Wolf Of Wall Street". Jede dieser Rollen wurde im Vorfeld als endlich überfälliger Oscar-Moment gehandelt - und jedes Mal entschied sich die Academy für einen Kandidaten, der besser ins jeweilige moralische oder politische Klima passte. DiCaprios Figuren waren oft größer, exzessiver und moralisch unangenehmer. Qualitäten, die ihn zwar beim Publikum beliebt machten, bei den Oscars jedoch lange als Makel galten. Seine unbeständigen Liebeleien mit deutlich jüngeren Frauen spielten für die Academy sicherlich auch eine Rolle.
Ein Oscar für "The Revenant": Eine Entschuldigung bei DiCaprio?
Als Leonardo DiCaprio 2016 schließlich den Oscar für "The Revenant" bekam, wirkte das weniger wie Begeisterung für diese konkrete Rolle als wie der Endpunkt eines jahrelangen Rituals. Nach fünf erfolglosen Nominierungen hatte sich längst das Narrativ des "ewig Übergangenen" etabliert, das die Academy nun endlich korrigierte. "The Revenant" lieferte dafür die perfekte Vorlage: ein körperlich extremer Überlebenskampf, gedreht unter widrigsten Bedingungen, mit sichtbarem Leid und Dreck im Gesicht. Verlässliche Signale für "große Schauspielkunst". Selbst dann, wenn sie sich vor allem über Ausdauer und Grimassen definiert.
Genau darin liegt das Problem dieses Sieges. DiCaprios Oscar fühlte sich weniger wie eine gezielte Würdigung dieser einen Performance an als wie eine pauschale Absolution für all die Male, in denen man ihn zuvor übergangen hatte. "The Revenant" lebt kaum von Nuancen oder inneren Widersprüchen, sondern vor allem von physischem Einsatz und Durchhaltevermögen. Offenbar musste DiCaprio nur lange genug leiden, um endlich ausgezeichnet zu werden. Der Preis sagt damit weniger über Schauspielkunst aus als über die bequemste Form der Anerkennung, nachdem er sich jahrelang - pardon - den Arsch aufgerissen hatte.
Warum Leonardo DiCaprio einer der besten Schauspieler der Geschichte ist
Denn nicht ohne Grund gilt Leonardo DiCaprio als einer der spannendsten Schauspieler seiner Generation. Er ist nicht nur wandlungsfähig, sondern bereit, Figuren konsequent bis an die Grenze des Unsympathischen zu treiben. Helden spielt er selten. Lieber Menschen, zerfressen von Gier, Angst, Größenwahn oder Selbsthass. In "The Wolf Of Wall Street" macht er aus Jordan Belfort keine geläuterte Aufstiegsgeschichte, sondern ein exzessives, moralisch verrottetes Spektakel. In "Shutter Island" kippt seine Performance unmerklich von kontrolliert zu paranoid. In "Revolutionary Road" zeigt sich, wie präzise er emotionale Implosionen spielen kann. Selbst in Genrefilmen wie "Inception" oder "Catch Me If You Can" verleiht DiCaprio seinen Figuren eine innere Unruhe, die weit über das Drehbuch hinausgeht. Seine größte Stärke liegt dabei weniger in äußerlicher Verwandlung als in der Fähigkeit, innere Widersprüche sichtbar zu machen. Mal durch große Gesten, oft durch kleine.
Das sind wirklich seine beste Rollen
Genau aus dem Grund wäre der Oscar für Leonardo DiCaprio schon früher fällig gewesen. Zum ersten Mal 2002 für "Catch Me If You Can", für den er nicht einmal nominiert war. In dieser Gaunerkomödie von Robert Zemeckis zeigt DiCaprio eine seiner leichtfüßigsten Leistungen. Als Frank Abagnale Jr. wechselt er mühelos zwischen Charme, Unsicherheit und stiller Verzweiflung, ohne je ins Überzeichnete zu kippen. Er macht aus dem Hochstapler keinen genialen Übermenschen, sondern einen einsamen Jungen, der sich Identitäten wie Schutzschilde überstreift. Gerade diese Balance aus Leichtigkeit und Melancholie verleiht der Figur eine emotionale Tiefe, die weit über den Ton einer klassischen Betrügerkomödie hinausgeht.
Leonardo DiCaprio und Regisseur Martin Scorsese haben bereits in sechs Filmen zusammengearbeitet. Unter anderem auch im Thriller "Departed - Unter Feinden" (2006).
Bild: United Archives
Nur vier Jahre später hätte Leonardo DiCaprio erneut ausgezeichnet werden müssen - diesmal für "Departed - Unter Feinden". In Martin Scorseses Gangsterdrama spielt er keinen charismatischen Anführer, sondern eine Figur im permanenten psychischen Ausnahmezustand. Als Undercover-Cop Billy Costigan ist sein Körper ständig angespannt, der Blick rastlos, die Stimme kurz vor dem Kippen. Stress ist hier ein Dauerzustand, während sich der schleichende Identitätsverlust von Szene zu Szene intensiviert. Während Jack Nicholson und Matt Damon die größeren, lauteren Rollen übernehmen, bleibt DiCaprios Leistung bewusst roh. Vielleicht hätte er mehr um Aufmerksamkeit buhlen sollen …
… was er sieben Jahre später auf radikal andere Weise tat. In "The Wolf Of Wall Street" entfesselt Leonardo DiCaprio eine der exzessivsten Performances seiner Karriere. Als Jordan Belfort ist er hemmungslos, grotesk, lächerlich und beängstigend zugleich. Ein wandelndes moralisches Vakuum, das sich selbst beim Untergang noch feiert. DiCaprio spielt diese Figur nicht mit Distanz, sondern mit voller Hingabe an ihre Abgründe, was sie gleichermaßen unerträglich und faszinierend macht. Dass die Academy diese Leistung übersah, lag weniger an fehlender Größe als an ihrer Unbequemlichkeit: Sein Spiel verweigert sich hier konsequent jeder einfachen moralischen Einordnung.
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Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
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