Im Joyn-Interview

"Wir haben uns zu lange zu wohl gefühlt": Paul Ronzheimer über Deutschlands Krise und seine Hoffnung

Veröffentlicht:

von André Marston Alvarez

Paul Ronzheimer ist seit Jahren als Reporter in Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz.

Bild: Joyn/Christoph Köstlin


In seiner Reportage-Reihe "Wie geht's Deutschland?" widmet sich Journalist Paul Ronzheimer den Problemen des Landes - ungeschönt und direkt. Gleichzeitig trifft er auf Menschen, die Lösungen suchen und Verantwortung übernehmen. Im exklusiven Joyn-Interview spricht Ronzheimer über Zuversicht in schwierigen Zeiten und darüber, warum Optimismus für ihn unverzichtbar ist.

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Bevor wir zu den Problemen Deutschlands kommen: Was ist die letzte positive Nachricht, die Ihnen begegnet ist?

Paul Ronzheimer: Ich persönlich treffe immer wieder tolle Gründer in Deutschland. Leute mit super Ideen, die etwas Neues erschaffen, die Start-ups entwickeln und für ein neues Deutschland stehen, das sich auch industriell wirtschaftlich weiterentwickelt. Das sind so die positiven Nachrichten, bei denen ich denke: "Ja, da geht es in die richtige Richtung".

Was ist Ihre aktuelle Diagnose für Deutschland? Wie geht's Deutschland?

Paul Ronzheimer: Wir haben uns zu lange zu wohl gefühlt und unsere Probleme nicht asureichend angepackt. Das ist der Zustand Deutschlands, so wie ich ihn erlebe. Das führt zu Aufgewühltheit und Verunsicherung in der Bevölkerung und dazu, dass sich viele fragen: "Wo geht das in Zukunft hin?" Aber die gute Nachricht ist: Es gibt großartige Leute, die in Deutschland anpacken, sowohl in der Bevölkerung, als auch in den Behörden und in der Politik. Diese Energie, die muss man jetzt zusammen finden, damit es in Deutschland wieder vorangeht.


"Ronzheimer - Wie geht's, Deutschland?" auf Joyn


Zuversicht trotz Herausforderungen

Was entgegnen Sie Menschen, die überzeugt sind, dass es mit Deutschland nur noch bergab geht?

Paul Ronzheimer: Ich würde erst einmal fragen: "Wo ist es denn wirklich besser?" Ich bin viel im Ausland unterwegs und auch dort gibt es große Probleme. Natürlich machen einige Länder manches besser. Aber Deutschland ist immer noch ein tolles Land, in dem man vergleichsweise sicher leben kann und in dem man auch Chancen bekommt. Ich denke, wir sollten es nicht nur schlechtreden, sondern wir sollten auf Probleme hinweisen, aber auch Möglichkeiten aufzeigen, wie die Dinge besser werden können.

Hoffnungslosigkeit ist für Sie also keine Option?

Paul Ronzheimer: Nein, überhaupt nicht. Das liegt auch daran, was für tolle Menschen man immer wieder trifft. In den Reportagen zu "Wie geht's Deutschland?" habe ich ganz viele Leute kennengelernt, die anpacken wollen, Ideen haben und wissen, in welche Richtung es gehen sollte, die aber an bestimmten Stellen dann immer wieder scheitern. Das müssen wir in den Griff bekommen.

Welche Rolle spielt Optimismus für Sie - gerade als Reporter, der oft mit Wut, Angst und Elend konfrontiert ist?

Paul Ronzheimer: Ich bin ein total optimistischer Mensch. Ich höre den Leuten gerne zu, ohne direkt zu urteilen und zu sagen: "So ist das oder so müsste das sein". Stattdessen versuche ich erst einmal, mir die Meinungen, Empfindungen und Gefühle anzuhören. Ich selbst bin total dagegen, immer alles sofort abzuschreiben und zu sagen, dass etwas nicht klappt.

Oft gibt es einen Weg, den man vielleicht als Erstes gar nicht so erkennt. Das trifft auch für viele Themen zu, um die ich mich gekümmert habe in dieser SAT.1-Doku-Reihe. Auch da gibt es immer wieder Lösungen und Chancen, Probleme auch anzupacken.

Welche positive Entwicklung in Deutschland wird Ihrer Meinung nach aktuell zu wenig wahrgenommen?

Paul Ronzheimer: Es wird zu wenig darüber gesprochen, wie sich unsere Industrie weiterentwickelt. Da gibt es tolle Beispiele, trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die wir haben. Ich sehe auch Erfolge, wenn ich mir Regierungsthemen anschaue, zum Beispiel Migration. Da wurde mittlerweile einiges von dem umgesetzt, was die Menschen gefordert haben.

Dazu gehört die Reduzierung der Zahl an Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, was immer wieder auch tragische Konsequenzen hat. Es war eben aber eine Politik, die gewählt wurde und sie hat durchaus auch Dinge umgesetzt, wie zum Beispiel Grenzkontrollen.

Wie wichtig ist es Ihnen, mit Ihrer Arbeit etwas im Land zu bewirken? Gab es auch einen Moment, wo Sie das letzte Mal gemerkt haben, dass Sie wirklich etwas verändern konnten?

Paul Ronzheimer: Mein Eindruck als Journalist ist, dass wir dafür da sind, auf Dinge hinzuweisen - auf Dinge, die problematisch sind, aber auch auf die, die funktionieren. Zu welchen Debatten und Konsequenzen das dann führt, haben wir nicht in der Hand. Ich finde auch nicht, dass man als Reporter immer sagen sollte, dass man etwas verändern will. Mir geht es darum, erst mal die Dinge so zu beschreiben, wie sie sind.


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Warum Widerspruch wichtig ist

Wann gab es zuletzt einen Moment, in dem sich Ihre eigene Meinung zu einem Thema verändert hat?

Paul Ronzheimer: Ich ändere meine Meinung oder mein Gefühl über den Zustand des Landes immer wieder. Es ist nicht so, dass ich eine festgefahrene Meinung habe und sage: "So ist das" und mir die Protagonisten suche, die das auch so sehen.

Manchmal treffe ich zufällig Menschen, die mir ihr Leid klagen und auch positive Dinge betrachten. Manchmal bin ich auf Demonstrationen und erlebe Wut, Ängste und Sorgen, die mich dann wundern oder auch erschüttern. Das ist immer möglich und ich verändere eigentlich sehr häufig meine Sicht, zwar nicht auf die grundsätzlichen Themen, aber ich versuche meine eigene Perspektive immer wieder zu erweitern.

Sollten wir alle viel öfter unsere Meinung ändern können?

Paul Ronzheimer: Wir alle sollten viel häufiger mit Menschen kommunizieren und zusammenkommen, von denen man weiß, dass sie nicht unsere politische Haltung teilen. Wir sollten mehr in Kneipen gehen und mit Leuten sprechen, die Dinge ganz anders sehen und nicht in unserer eigenen Bubble sind. So bestärken wir nicht gegenseitig unsere eigene Meinung immer wieder, sondern können versuchen unseren Horizont zu erweitern.

Sie haben Ihre Karriere im Lokaljournalismus begonnen. Welche Rolle spielt Lokaljournalismus heute noch in Ihren Augen?

Paul Ronzheimer: Ich vermisse meine Zeit als Lokalreporter, denn sie war eigentlich mit am spannendsten, da man dort immer direkt mit der Problematik und mit dem, was auf der Straße passiert, konfrontiert ist. Durch Lokaljournalismus können sich die Menschen zu dem Ort, in dem sie leben, verbunden fühlen und sich mit dem auseinandersetzen, was direkt vor ihrer Haustür passiert. Deswegen ist er wahnsinnig wichtig und wir müssen aufpassen, dass er nicht ausstirbt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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